Unsere Schule

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1200 m bis zum nächsten Klavierbauer. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen eines Nachbarn, der maßgeblich an der Instandsetzung unseres IBACH-Flügels beteiligt war.
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Eine Saite glänzt etwas stärker. Bemerken Sie es auf dem Foto oben? Sie ist neu. Vorher fehlte sie. Das war eines der zahlreichen Mankos, mit denen -nach langer Zeit- ein ca. 80 Jahre alter IBACH-Flügel im letzten Jahr zu uns kam.

Auch der Stolz über die beste Kleidung erlahmt, wenn sich die dünnen Stellen mehren, die Ränder ausfransen, ein Knopf fehlt oder der Kragen aus dem Lot geraten ist. Kurzum: Der IBACH war in die Jahre gekommen. 

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Herr Großauer-Haeseler von der Firma Großauer in Nievenheim erinnert sich noch sehr gut, als er vor etwa drei Jahren um Begutachtung und Kostenvoranschlag für einen IBACH-Flügel gebeten wurde.

"Vor drei Jahren bin ich von der Stadt gerufen worden, mir einen Flügel in der Zuckerfabrik anzusehen. Ich musste den Flügel suchen, keiner konnte mir sagen, wo der steht. Und als ich das Instrument suchte, habe ich mich wahnsinnig erschrocken, weil eine Puppe mit aufgeschlitztem Hals auf dem Boden lag. Die Polizei oder eine Sicherheitstruppe machten da Übungen, mit Pistolen und Maschinengewehren und die haben vergessen abzuschließen. Es sah nicht gut aus. Ich war etwas verstört; bin dann aus dem Gebäude wieder 'raus und habe den Flügel weitergesucht. Ich hatte einen Treffpunkt mit jemandem von der Stadt, aber derjenige ist nicht gekommen. Sonst wäre ich auch gar nicht dazu gekommen, in den verschiedenen Gebäuden herumzuirren, um den Flügel zu suchen. Schließlich habe ich dann den Flügel gefunden, ganz alleine, verschlossen und der Raum war in den Wintermonaten ungeheizt. Entsprechend habe ich mich beeilt, alles nachzusehen und festgestellt: Der Flügel ist nicht spielbar, da muss einiges gemacht werden. Dann habe ich einen Kostenvoranschlag erstellt, aber nie wieder etwas davon gehört. Und dann ist der Flügel irgendwann wieder aufgetaucht. Und zwar bei Ihnen in der Schule."

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Gut, der Lack war ab. Und das ist momentan -aussen- auch noch so geblieben. Aber innere Werte sind wieder zum Vorschein gekommen. Unter den Händen des Klavierbauers hat unser IBACH seine Spielbarkeit wiedererlangt. Und, vielleicht mit ein wenig Trotz angesichts all der überstandenen Unbilden, zeigt er trotz matter Lackstellen stolz seine weißen Tasten. Ausgesucht reines, edles Elfenbein! Das war eben früher so.

Vielleicht wird man sich in der Zukunft einmal darüber mokieren, dass heutzutage Folie statt Farbe und MDF-Faserplatte statt Holz in den Klavierbau Einzug gehalten haben. Noch sind die Argumente für die ungewohnten Materialien stichhaltig: Preis, Temperaturunempfindlichkeit oder geringere Verarbeitungsintensität. Aber bei Großauer hält man in der Klavierfertigung tapfer dagegen. 

Eigentlich müsste man von den Berufen des Klavierbauers sprechen - statt von dem Beruf des Klavierbauers. Als ich zum ersten Mal die Werkstatt in Nievenheim betrat, fiel mir jedenfalls alles Mögliche ins Auge. Am wenigsten jedoch weiße oder schwarze Tasten. Die stapelten sich noch fein säuberlich in Folie verpackt und völlig abseits des Geschehens auf einem Regal im Nebenraum. Statt dessen fiel mir als erstes Kupferdraht auf. Und gleich spulenweise.

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Mit dem Klavier ist das so eine Sache. Unzweideutig gilt, dass an den tonangebenden Stellen eines Flügels Saiten sitzen. Unzweideutig gilt aber auch, dass auf diese Saiten mit einem Filzhammer geschlagen wird, der Flügel der Instrumentengruppe der Schlaginstrumente zuzurechnen ist. Allen Zweiflern hieran sei in diesem Zusammenhang die Abschlusssequenz des Kinofilms "Vier Minuten" empfohlen, die auf Effekt haschende, aber nicht destoweniger überzeugende Art und Weise deutlich macht, dass der Flügel je nach Spielweise als Tasteninstrument, Saiteninstrument, Schlaginstrument, Percussion-Instrument oder sogar 'Zupfinstrument' eingesetzt werden kann. Bei John Cage (1912-1992) kamen manchmal dann noch Schrauben, Muttern oder andere kleine Gegenstände, befestigt mit Draht, hinzu.

Apropos. Die Basssaiten nun bedürfen der Ummantelung mit qualitativ hochwertigem Kupferdraht. Denn mit zunehmender Dicke nimmt auch die Obertonpräsenz des durch die Saite erzeugten Klanges zu. Womit wir wieder bei den Berufen wären. Auch Naturwissenschaft und besonders die Lehre der Akustik aus dem Bereich der Physik sind von Bedeutung.

Keine Kenntnisse von Eisenguss und Eisenbearbeitung? Kann man sich als Klavierbauer nicht leisten. Als Kugelgraphitguss wird das Verfahren bezeichnet, mit dem die -oftmals so genannten- 'Panzerplatten' hergestellt werden. Jener Rahmen aus Eisen, auf dem die Saiten aufgespannt werden. Manch ein Holzgestell würde unter dem gewaltigen Druck von mehreren Tonnen förmlich zerfetzt werden. 

Klaviere werden in Nievenheim noch so richtig selber gebaut. In der einen Ecke des Raumes stehen die mit Rinde behafteten ausgesuchten Ahornbretter, auf dem Tisch eine Rippe (Klavierrückwand) in Bearbeitung, auf einem fahrbaren Gestell eine 'Panzerplatte'. Entstanden aus dem Guss in einer Sandform. Fasziniert ist selbst der Klavierbauer immer wieder von dem Moment, wo der Guss in der Sandform erkaltet. Dieser Sand hält die Form gerade lange genug, um das noch schwach rot glühende Eisen abbinden zu lassen. Danach fällt er in sich zusammen und übrig bleibt der Eisenrahmen, auf den später die Saiten aufgezogen werden.

Und diese Sandform hat ihre Form nach dem sogenannten 'Modell' erhalten - bei der Fa. Großauer im Präsentationsraum nicht undekorativ hinter fertigen Klavieren in knalligem Rot aufbewahrt.

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Das Firmen- und Modelllogo. Ein oftmals nachträglich aufgebrachtes Schild, und damit Zeichen dafür, dass der darunter liegende Rahmen austauschbar ist, in mehreren Klavieren oder bei verschiedenen Herstellern verwendet werden kann, findet man bei Großauer nicht. Das Logo ist bereits in das Modell für die Gussform integriert und erscheint dann auch auf dem Guss selber. Als Bestandteil der Urform (oben rot) ist es untrennbar mit dem Rahmen (oben hellbeige) verbunden.

Der Stolz, der sich mit einem solchen Rahmen für den Klavierbauer verbindet ist verständlich. Originalton des Klavierbauers: "Jeder fragt mich immer, wenn ich Klaviere baue, was ist das für ein Gussrahmen und wenn ich sage, den habe ich selbst gemacht - das glauben die dann nicht mehr." Und mit der gebotenen Portion Unterstatement fügt er sofort hinzu: "Das ist wie aus unserer Sandkastenzeit, nur 'n bißchen komplizierter."

In der Firma Großauer setzt man auf Qualität und (bewährte) traditionelle Materialien und Fertigungstechniken. Ganzheitliches Kunsthandwerk wird groß geschrieben. Liebe zum Detail ist überall zu spüren. Und unser IBACH, mit seinen zahlreichen Wehwehchen, hat davon nachhaltig profitiert.

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Dass ein Klavier auch aus Holz ist, nimmt sich demgegenüber vergleichsweise selbstverständlich aus. Tischlerqualitäten sind gefragt, wie man auf dem Foto oben am Beispiel einer Rückwand, genannt Rippe, sehen kann.

Und Lackierer muss man sein. Schleifpapiere sind in ihrer Körnung nach Nummern gestaffelt. Jeder, der schon einmal am Blechkleid eines Autos herumgebastelt hat, wird sie kennen, die Körnungen im Hunderter-Bereich: 200er, 400er oder 800er.

"Autolack ist primitiv dagegen", sagt Großauer-Haeseler, "-mit Klavierlack verglichen - wenn man einmal genauer hinsieht. Wenn ich da nicht die Firma BASF gehabt hätte, die sich gesagt hat, nun ja, wir schicken einmal einen Anwendungstechniker nach Dormagen, der diesem kleinen 'Futzemann von Klavierbauer' (sag ich jetzt 'mal) hilft, damit der das machen kann, dann hätte ich das nicht geschafft. Erst wird einmal ein Füller aufgebracht. Der Füller hat einen hohen Festkörpergehalt. Und damit werden alle Unebenheiten angefüllt. Manche machen es mit Folie. Steinway zum Beispiel macht es auch mit Folie. Mir ist das aber zu gefährlich. Wenn da einmal intensiv Sonne draufscheint, dann kann schon einmal etwas passieren. Da kann man nichts über die Lebensjahre eines Flügels garantieren. Dann kommt das gleiche noch einmal als Lack drauf, sieht aber nicht lackmäßig aus. Man wundert sich. Das ist ein ziemlich dickflüssiger Lack. Nämlich Polyesterlack mit schwarzem, weißem oder andersfarbigem Farbextrakt. Das wird wie eine Apfelsinenhaut gespritzt, absichtlich, weil da ein chemischer Prozess abläuft. Dieser Lack wird nur hart, wenn sich obenauf eine Paraffinschicht bildet. Und das ist dann schließlich richtig matt, sogar fast ein bisschen kratermäßig. Es entsteht Polyester. Und dieser Polyester, der wird dann geschliffen. Mit allen Körnungen. Man fängt mit 125er an."

Seit meinem Besuch beim Klavierbauer weiss ich: Es gibt auch 3000er. "Mit 3000er ist es schon Seidenglanz. 3000 ist schon so fein, dass Sie sich in diesem Lack sehen können. Dann wird er mit rotierenden Scheiben auspoliert. Früher hat man nur bis 1200 gearbeitet. Durch das feine Schleifen heute, entsteht nachher beim Polieren nicht mehr soviel Hitze. Früher musste man mit mehr Reibung drangehen, aber umso wärmer, um nicht zu sagen, schon fast heiß, wurde der Lack. Und wenn Lack warm wird, ist das nicht so gut."

Dass der Klavierlack, absolutes Aufpreiskriterium bei jedem kultigen Designerstück vom Radio bis zum Möbel, das man heute kaufen kann, klavierbautechnisch betrachtet nichts anderes ist als eine 3000er Schleifung von schwarzem Polyester - das muss einem doch zu denken geben. Es würde tatsächlich funktionieren: Sich einen Spiegel zurecht "schmirgeln"! Aber: Polieren Polieren, Polieren, Polieren. Am Besten elektrisch und mit Polierpaste.

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Ibach. Man sagt, sie sei die älteste Klaviermarke der Welt. Es gibt einen Streit um diese Frage mit einer Fabrik in England, aber was spielt das in diesen Sphären schon für eine Rolle.

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Aufgrund von zwei typischen Aussparungen in der  Eisengussplatte -im Foto oben deutlich zu erkennen- wird unser IBACH-Modell in Klavierstimmer- und Fachkreisen auch 'Halbmond' genannt. Spätestens an diesem Punkt können wir stolz sein, sozusagen auch mit Blick auf die 'political correctness' ein adäquates Instrument erhalten zu haben.

Last but not least. Unser IBACH kam in Begleitung. Eines Stuhls. Aus Holz. Ungepolstert. Aber gefedert. Das Markenlogo versprüht Selbstbewußtsein, wie man unten sehen kann.

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Na denn!

Dass wir in ein paar Wochen wieder ein (unser erstes) Klavierkonzert auf dem jetzt wieder spielbaren IBACH erleben können, verdanken wir also dem Enthusiasmus in der Sache eines unserer Nachbarn und dem Budget unserer Schule. Beides musste zusammenkommen. Beides für sich alleine genommen, hätte nicht gereicht!

Dass unser IBACH auch im schulischen  Bereich Verwendung findet, muss nicht besonders betont werden. Man konnte es erleben. Aber er ist auch auf dem besten Wege in das Leben der Stadt und von Nievenheim zurückzukehren. Wünschen wir ihm Künstler, Freunde, Förderer (neudeutsch: Sponsoren) und natürlich viele Zuhörer!

Freuen wir uns auf Dorothy Gemmeke und Wolfgang Hoyer im ersten Klavierabend der Bertha-vonSuttner-Gesamtschule.

"4 Hände treffen 1 Flügel" am 17. Oktober 2007 um 19.00 Uhr