Unsere Schule

Schulleiter Dr. Hans-Jürgen Belke    

29.05.96 im Bürgerhaus Nievenheim              

(Es gilt das gesprochene Wort!)           

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,liebe Gäste!

Einer Schule einen Namen zu geben, das halten viele für eine gute und selbstverständliche Sache. Jedes Kind habe einen Namen, damit es unverwechselbar für die anderen ist. Auch eine Schule brauche einen Namen, der sie unverwechselbar mache. Und Jugend brauche Vorbilder, also solle Schule ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag mit der Wahl eines vorbildhaften Namens verdeutlichen. Skeptiker dagegen befürchten, der gewählte Name für eine Schule könne dazu benutzt werden, „Säulenheilige“ zu etablieren, die nicht mehr öffentlich kritisch befragt werden dürfen und die als ein Zwangsband um ansonsten sehr unterschiedliche Meinungen innerhalb der Schulgemeinde von Lehrern, Schülern und Eltern dienten. 

Auch in unserer Schule gab es nicht nur Begeisterung für verschiedene Vorhaben, dieser Schule einen Namen zu geben, aber es herrschte eine überwiegend positive Haltung zu einem solchen Vorhaben. In der Aufbruchsstimmung unserer Gründungsjahre gab es eine große Mehrheit unter Lehrern und Eltern, die neue Gesamtschule Dormagen nach dem großen Reformpädagogen, Sozialisten und Widerstandskämpfer Adolf Reichwein, zu benennen. 

 

Dieser Name sollte Programm werden für die Orientierung dieser neuen Dormagener Schule an den Ideen und Idealen der Reformpädagogik der 20er Jahre. Die Kräfte reichten nicht aus, diese Idee in die Tat umzusetzen. Und wir richteten uns mit der - für einige resignativen - Einsicht ein, diese Schule habe doch einen Namen, der sie unverwechselbar mache, und sie habe einen guten Namen:Städtische Gesamtschule Dormagen. Als die ersten Überlegungen für die Feier des zehnjährigen Bestehens dieser Schule begannen, verstärkte sich unabhängig davon im Kollegium die Einsicht, daß diese großgewordene Schule, daß dieses großgewordene Kollegium eine neue Diskussion brauche, um sich seiner pädagogischen Identität zu versichern. Erste erfolgreiche Schritte wurden getan, um mehr Selbsteuerung, mehr Partizipation, mehr Identifizierung mit dieser Schule zu erreichen. Ein verbessertes Team-Modell wurde beschlossen und in die Tat umgesetzt. Zu dieser Zeit gab es auch erste Initiativen aus dem Kollegium, anläßlich der bevorstehenden Zehnjahresfeier einen neuen Anlauf für eine Namensgebung zu nehmen. Die Einsicht gewann Raum: Namensgebung nach 10 Jahren - oder nie mehr! 

Die Chance wurde genutzt, eine Arbeitsgruppe etabliert. Diese Arbeitsgruppe hatte zwei unermüdliche Motoren, und diesen beiden möchte ich schon jetzt für ihr Engagement und ihr nicht-locker-lassen danken: Frau Faber und Herrn Koopmann! Herzlichen Dank! Auch die Schulleitung gab sich nach einiger Zeit des Abwartens einen Ruck und präsentierte einen Namensvorschlag: Albert-Einstein-Gesamtschule! Ein bewußt provokanter Vorschlag, der sich an das traditionelle Reklamieren dieses Namens für Gymnasien heranwagte und fragte, warum eigentlich nicht für eine Gesamtschule? Wir alle wollten jedoch keine autoritäre Diskussion von oben nach unten; wir wollten eine breite, demokratische Diskussion, die zu einem breiten Konsens führen sollte. Deshalb war es gut, daß weitere Namen in die Diskussion eingebracht wurden. 

Von Schülerseite kam der Name Leonardo da Vincis auf wegen seiner allumfassenden Bildung als Vorbild für Gesamtschüler. Von Elternseite wurde der Barockarchitekt Johann Conrad Schlaun, der Erbauer der Nievenheimer Salvator-Kirche und der Besitzer des Nievenheimer Latourhofes, ins Spiel gebracht wegen des damit gegebenen Lokalbezuges und zu Ehren der bevorstehenden 1200-Jahr-Feier Nievenheims.  Von Kollegenseite wurden gleich drei Namen vorgeschlagen: -     Celestin Freinet, der französische Reformpädagoge und Begründer einer linken, undogmatischen Lehrerbewegung-     Hanna Ahrendt, die bedeutende deutsche Wissenschaftlerin jüdischer Herkunft, die sich mit ihrer Totalitarismus-Theorie einen hervorragenden Namen gemacht hat-    

Und schließlich Bertha von Suttner, die österreichische Pazifistin und erste Trägerin des Friedensnobelpreises. Die produktive Auseinandersetzung mit diesen sechs Namensvorschlägen spitzte sich schließlich auf einen Wettstreit zwischen „Leonardo da Vinci“ oder „Bertha von Suttner“ zu. In der Schulkonferenz am 30. November 1995 gab es bei der Endabstimmung schließlich eine klare Mehrheit von 27 Ja-Stimmen, 3 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen für den Antrag an den Schulträger, der Städtischen Gesamtschule Dormagen einen neuen Namen zu geben: Bertha-von-Suttner-Gesamtschule der Stadt Dormagen! 

Warum Bertha von Suttner? Wenn also eine Konferenz mit 36 Mitgliedern einen Beschluß gefaßt hat, dann müßte jetzt diese Konferenz auch den Beschluß erläutern. Das geht nicht gut, und das ist auch nicht vorgesehen. Der Schulleiter führt die Beschlüsse der Schulkonferenz aus, so steht es lapidar im Schulmitwirkungsgesetz. Deshalb stehe ich jetzt hier und halte diese Rede. Aber ich kann doch nicht die - möglicherweise ganz unterschiedlichen - Motive und Hoffnungen dieser 36 Menschen interpretieren und im Brustton der Überzeugung alle Zweifel überdeckend verkünden, diese, meine Interpretation sei der Wille der Schulkonferenz. Und einen offiziell beschlossenen Begründungstext gibt es nicht; es gab nur eine schriftliche Begründung einer Antragstellerin. Deshalb kann ich mich nur annähern und von meinen persönlichen Gedanken, Motiven und Hoffnungen beim Namen Bertha von Suttner erzählen. Als ich zur Schule ging, habe ich den Namen Bertha von Suttner nie gehört. Das war bis 1955 in der ehemaligen DDR und bis 1963 in der Bundesrepublik. Der Name Bertha von Suttner begegnete mir zum ersten Mal während meiner Studentenzeit in Bonn. Dort gab und gibt es einen Bertha-von-Suttner-Platz in der Nähe der Universität. Als interessierter Mensch wollte ich natürlich wissen, nach wem dieser Platz benannt worden war, an dem ich so oft vorbeikam, auf dem ich so oft stand: Bertha von Suttner, geboren 1843, gestorben 1914, Verfasserin des berühmten Anti-Kriegsromans „Die Waffen nieder!“, Gründerin der Österreichischen Friedensgesellschaft und erste Trägerin des Friedensnobelpreises 1905 - das wußte ich sehr bald. Die Idee Bertha von Suttners faszinierte mich und weckte zugleich Zweifel. Warum? Allein mit Worten und anderen friedlichen Mitteln politische Ziele erreichen - ein wunderbarer Gedanke. Den Kriegsdienst verweigern und nur seinem Gewissen folgen - damals eine sehr schwierige Prozedur für junge Männer, die peinliche Anhörungen und Überprüfungen über sich ergehen lassen mußten. Wo die DFG-VK Unterschriften oder Spenden sammelte, da hatte sie meine Unterschrift oder meine paar Groschen. 

Aber andererseits: Als linke Studenten demonstrierten wir mit Kampfparolen in den Hörsälen, in der Stadt und auch auf dem Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn! Wogegen wir kämpften, das ist heute abend relativ uninteressant, aber wir kämpften nicht nur mit Worten und Argumenten, sondern ließen auch Taten folgen: Sit-ins, Go-ins, Sitzblockaden - das waren unsere weitergehenden Mittel, und wir diskutierten heiß darüber, wieviel demokratische Gegengewalt gegen die Gewalt des - damals recht autoritären - Staates erlaubt sei. Für mehr Demokratie, für mehr Freiheit und ein Leben ohne Zwang, dafür wollten wir streiten ein Leben lang, wie die holländische Band „Die Bols“ sangen. Die idealistischen Ansichten der Bertha von Suttner, die „die ewigen Wahrheiten und ewigen Rechte (vom) Himmel der menschlichen Erkenntnis“ herabholen wollte, schienen uns nicht ausreichend. Wir wollten das Ziel Frieden nicht nur durch Worte erreichen, und wir unterstellten den Gegnern des Friedens und der Freiheit nicht, sie seien nur vom guten Weg aller Menschen abgeirrt. Wir folgten daher eher dem Friedenskämpfer Carl von Ossietzky, der dazu aufgefordert hatte die Interessen der Gegner von Frieden und Freiheit genau zu analysieren und sie gemeinsam zu bekämpfen.  

Weshalb ich das erzähle? Ganz einfach. Mit diesen Holzschnitthinweisen auf meine eigene Biographie will ich deutlich machen:Die Namensgebung „Bertha-von-Suttner-Gesamtschule“ kann nicht bedeuten, daß eine ganze Schule, jeder einzelne Kollege, jede einzelne Schülerin, nach den Grundgedanken des Pazifismus ausgerichtet wird, alle Schüler nur noch Bertha von Suttners idealistisches Verständnis des Pazifismus vermittelt bekommen. Nein, wenn ich in meiner Jugend für mich selber ein ambivalentes, oder gar gespaltenes Verhältnis zum Pazifismus beansprucht habe, dann kann ich heute als altgewordener Schulleiter Skeptikern der Namensgebung ganz ruhig und selbstbewußt sagen:Hier wird Bertha von Suttner nicht nur Ikone, zur allein zu verehrenden Säulenheiligen gemacht! Bertha von Suttners Ideen werden für uns ein Auftrag, Bertha von Suttners Name wird für uns ein Bestandteil unseres Schulprogramms sein! Und der wichtigste Bestandteil dieses Schulprogramms muß konsequenterweise die Erziehung zur Friedensfähigkeit sein! 

Und hier schließt sich für mich auch der Kreis, weshalb es einen guten Sinn macht, gerade einer Gesamtschule den Namen Bertha von Suttners zu geben. Gesamtschule ist als integrierte und integrierende Schulform in besonderem Maße dem Ziel des sozialen Lernens verpflichtet. Gesamtschule als Ganztagsschule ist mehr als die zeitliche Erweiterung einer Halbtagsschule durch zusätzliche Veranstaltungen am Nachmittag.

Ihr pädagogisches Gesamtkonzept, ihr Schulprogramm muß deshalb darauf abzielen, die jungen Menschen in allen ihren Persönlichkeitsbereichen möglichst umfassend zu fördern, auch im Hinblick auf die Entfaltung individueller Identität und auf die Entwicklung sozialer Beziehungsfähigkeit. Soziale Beziehungsfähigkeit entwickeln heißt aber auch zu lernen, mit Konflikten umzugehen. Wie Schüler, wie wir alle lernen mit Konflikten umzugehen, an diesem Punkte setzt dann die programmatische Zielsetzung an, die mit der Namensgebung verbunden ist. Eine Pazifistin und Frauenrechtlerin zur Namenspatronin zu machen, kann ich dann nur noch als Auftrag an uns als Kollegium verstehen, Schülerinnen und Schülern eine Schule zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, gleichberechtigt, selbständig und eigenverantwortlich, aber auch tolerant, friedfertig und rücksichtsvoll handeln zu lernen. Ich will zum Schluß nicht pathetische Aufträge verteilen, sondern ein ganz pragmatisches Beispiel dafür nennen, daß wir uns bereits auf den Weg gemacht haben.

Seit einiger Zeit arbeitet eine Gruppe von Lehrern und Schülern an einem Projekt  „Autonome Streitschlichtung durch Schüler“. Sie wird Ende dieses Schuljahres beginnen, ihre ersten Arbeitsergebnisse den schulischen Gremien vorzustellen. Für mich ist in diesem Projekt der pädagogische Auftrag unserer Namensgebung im Kern zusammengefaßt: Befähigung unserer Schülerinnen und Schüler zu selbständiger, aktiver und friedlicher Regelung von Konflikten, die normaler Bestandteil sozialen Miteinanders sind! 

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges und aufmerksames Zuhören meiner Gedanken bei der Namensgebung für die bislang offiziell namenlose Gesamtschule Dormagen!